Wirtschaftswissenschaftler/innen warnen vor dem Finanz- und Klimarisiko neuer Kohlekraftwerke in Deutschland
Erklärung zum Neubau von Kohlekraftwerken:
WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLER/INNEN WARNEN VOR DEM FINANZ- UND KLIMARISIKO NEUER KOHLEKRAFTWERKE IN DEUTSCHLAND
Über 50 Wirtschaftswissenschaftler/innen sprechen sich in einer vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) veröffentlichten Erklärung gegen den umfangreichen Neubau von Kohlekraftwerken in Deutschland aus. Derzeit sind in Deutschland 29 neue Braun- und Steinkohlekraftwerke geplant oder werden bereits gebaut.
Der Neubau gefährde nicht nur das Erreichen der notwendigen Klimaziele, sondern könne sich auch als wirtschaftliche Fehlinvestition erweisen. „Vor allem die Unsicherheit über zukünftige Brennstoff- und CO2-Preise machen die Wirtschaftlichkeitsrechnungen zu einem Lotteriespiel“, warnt der Ökonom Dr. Hans-Joachim Ziesing, Vorsitzender des Berliner Klimaschutzrats.
„Problematisch sind auch die langen Laufzeiten der Kohlekraftwerke von über 40 Jahren“, ergänzt Prof. Dr. Holger Rogall (HWR Berlin). Langfristig müsse die Stromerzeugung größtenteils auf Erneuerbare Energien umgestellt werden, dies erfordere aber eine größere Flexibilität des übrigen Kraftwerkparks. Kohlekraftwerke seien jedoch als typische Grundlastkraftwerke konzipiert, die sich nicht einfach an- und abschalten ließen und bei geringeren Einsatzzeiten nicht mehr rentabel zu betreiben seien. Heute gebaute Kraftwerke könnten sich später als Investitionsruinen erweisen, wenn die notwendigen Einnahmen zur Deckung der Investitions- und Betriebskosten nicht hoch genug seien oder ein Kraftwerk aus klimapolitischen Gründen aufgrund steigender CO2-Emissionspreise frühzeitig außer Betrieb gehen müsse. „Die neuen Kraftwerksprojekte sind mit einem Ausbau der Erneuerbaren Energien langfristig nicht zu vereinbaren“, folgert Martin Cames, Leiter des Bereichs Energie- und Klimaschutz Öko-Institut Berlin.
Sollen die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80-95% reduziert werden, wie es das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) fordert, erfordere dies langfristig eine weitgehend CO2-neutrale Energieerzeugung. Das derzeit viel diskutierte Verfahren zur Abscheidung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage – CCS) verspricht nach Angaben der Energieversorger eine zukünftig klimafreundliche Kohleverstromung. „Doch derzeit ist auch mittelfristig noch völlig offen, ob CCS technisch realisierbar, ökologisch vertretbar und wirtschaftlich zu betreiben ist“, heißt es in der Erklärung. Diese Technologie sei frühestens ab 2020 oder 2030 kommerziell einsetzbar und komme daher für die 29 geplanten Kohlekraftwerke zu spät. „Man kann die geplanten Kohlekraftwerke nicht mit bloßen technologischen Versprechungen rechtfertigen. Dazu ist ihre negative Klimawirkung viel zu verheerend, wenn die Hoffnung trügt“, betont Prof. Dr. Martin Jänicke von der Forschungsstelle für Umweltpolitik Berlin. Grundsätzlich sei zwar auch eine Nachrüstung bestehender Kraftwerke möglich, dies sei jedoch aufgrund der höheren Kosten wirtschaftlich nicht rentabel. So fordern die Unterzeichner/innen, dass zumindest bis zum Zeitpunkt der kommerziellen Verfügbarkeit von CCS und bis zur Klärung der offenen Fragen z.B. über die verfügbaren Speicherkapazitäten auf den Neubau von Kohlekraftwerken in Deutschland verzichtet werde.
Weitere Informationen unter www.wiwis-kohle.de
Kontakt: Swantje Küchler, wissenschaftliche Mitarbeiterin FÖS, Tel: 0151 / 23 33 89 19
Das FÖS versteht sich als Sammelbewegung unabhängiger Vordenker und ist gegenüber Entscheidungsträgern und Multiplikatoren Anstoßgeber wie Konsensstifter in der Debatte um eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Das FÖS setzt sich dafür ein, die soziale Marktwirtschaft zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft weiter zu entwickeln. Die Marktwirtschaft hat sich nach Auffassung des FÖS bisher als effizienteste Wirtschaftsform erwiesen. Um dem Menschen optimal zu dienen und gleichzeitig die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, muss sie jedoch einen starken staatlichen Rahmen mit entsprechenden ökologischen und sozialen Leitplanken bekommen. Das FÖS unterstützt Bestrebungen, neben verlässlichen sozialen Sicherheitssystemen auch den Einsatz marktwirtschaftlicher Instrumente in der Umweltpolitik zu stärken.
| 17.09.2009: geschrieben von admin - abgelegt unter (Aktuelles) |



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